Von frostigen Bergen über verführerische Shops bis zur Zugfahrt mit Rüttelgarantie
Morgens in Ooty: kalt, aber königlich schön
Der vierte Tag begann hoch oben in Ooty – und zwar kalt. Sehr kalt. So kalt, dass wir kurz überlegten, ob wir tatsächlich noch in Indien waren oder versehentlich in einem schlecht geheizten Alpenhotel gelandet waren.

Dafür war der Morgen wunderschön: klare Luft, Sonnenschein und ein Frühstück mit Blick ins Tal. Auf dem Balkon blühten Strelitzien, und für einen Moment war alles einfach herrlich. Manchmal reicht eben ein schöner Ausblick, um die Frage nach der richtigen Anzahl warmer Kleidungsstücke in den Hintergrund zu schieben.

Nach dem Frühstück ging es mit unserem Fahrer hinunter zur St.-Stephens-Kirche.
Ein Friedhof, ein Geldwechsel und die Suche nach dem passenden Etablissement
An der Kirche sahen wir uns auch den Friedhof an. Der Ort hatte durchaus etwas Besonderes – allerdings fiel uns leider auch auf, dass dort ziemlich viel Müll herumlag. Ein trauriger Kontrast zu der schönen Umgebung.
Danach stand Geldwechseln auf dem Programm. Klingt einfach, war es aber nicht. Selbst unser Fahrer musste erst ein wenig suchen, bis er eine geeignete Wechselmöglichkeit für uns gefunden hatte. Wir wollten schließlich nicht nur schöne Erinnerungen sammeln, sondern auch mit den passenden Rupien weiterreisen.
Irgendwann war auch diese Mission erledigt. Ein weiterer Punkt auf der Liste: abgehakt.
Die Teefabrik – und der Schokoladen-Notfall

Als Nächstes besuchten wir eine Tee- und Schokoladenfabrik.
Die Teefabrikation selbst war, sagen wir einmal, eher überschaubar sensationell. Wir hatten vermutlich auf ein wenig mehr großes Tee-Kino gehofft.
Die Schokolade dagegen überzeugte uns auf Anhieb. Auch der Schokodrink war ausgesprochen lecker. Und wenn eine Schokoladenfabrik schon einmal vor einem steht, wäre es schließlich unhöflich, mit leeren Händen wieder zu gehen.
Also kauften wir Schokolade und ein paar Teesorten. Damit hätte der Besuch eigentlich enden können.
Eigentlich.

Denn auf dem Rückweg wurden wir nach dem bewährten Prinzip „Immer den Pfeilen nach“ durch verschiedene Shops geleitet. Fast wie bei IKEA: Man möchte eigentlich nur zum Ausgang, kommt aber an gefühlt hundert Dingen vorbei, die man plötzlich dringend braucht.
Und so landeten zusätzlich noch ein paar Schmuckstücke bei uns. Was soll man machen? Wir sind auch nur Menschen. Und die Pfeile waren eindeutig gegen uns.
Botanischer Garten und ein vegetarisches Sandwich
Danach ging es in den Botanischen Garten. Der war wirklich schön und bot eine willkommene Gelegenheit, ein wenig durchzuatmen. Außerdem wurde es im Laufe des Tages erfreulicherweise immer wärmer. Unsere Körper fanden das ausgesprochen entgegenkommend.

Wir spazierten durch den Garten, genossen die Umgebung und stärkten uns zwischendurch mit einem vegetarischen Sandwich. Keine große kulinarische Offenbarung, aber genau das Richtige, bevor das nächste Abenteuer auf uns wartete: die Zugfahrt im Nilgiri Railway Train – Unesco Kulturerbe.
Am Bahnhof: eine Stunde zu früh ist auch pünktlich
Wir fuhren zügig zum Bahnhof und waren gegen 13 Uhr dort. Unser Zug sollte allerdings erst um 14 Uhr fahren. Wir hätten es also deutlich entspannter angehen können.
Erste Klasse – eine Frage der Perspektive
Der Zug kam dann tatsächlich erst ungefähr zehn Minuten vor der Abfahrt. Rückblickend hätten wir uns die zusätzliche Wartezeit also sparen können. Aber hinterher ist man bekanntlich immer schlauer – und lieber eine Stunde zu früh am Bahnhof als eine Minute zu spät. Das gilt vermutlich überall auf der Welt.
Wir hatten reservierte Plätze in der ersten Klasse, ganz vorne im Zug. Das klang erst einmal vielversprechend.
Bis wir unsere Sitze sahen.
Unsere Plätze waren tatsächlich in der ersten Klasse. Der Komfort hielt sich allerdings in Grenzen. Über die Definition von „Luxus“ lässt sich eben trefflich streiten. Vielleicht war das die indische Variante von Minimalismus: weniger Bequemlichkeit, dafür mehr Charakter.
Dann entdeckten wir das nächste Detail: Die Fenster in unserer vermeintlichen Luxusklasse waren milchig, sodass man die Landschaft nur eingeschränkt sehen konnte. In der Holzklasse dagegen schienen die Fahrgäste deutlich bessere Sicht zu haben.
Wir hatten also die besseren Sitze – theoretisch – und die schlechtere Aussicht. Man kann nicht alles haben. Oder anders gesagt: Manchmal sitzt man in der ersten Klasse und schaut trotzdem in die Röhre.
Drei Stunden indische Gastfreundschaft
Das eigentliche Highlight der Zugfahrt war dann allerdings nicht der Zug, sondern die Familie, die wir kennenlernten. Eine sehr nette indische Familie nahm Kontakt zu uns auf. Die Mutter und die Tochter waren Ärztinnen, der Mann Ingenieur. Sie waren ausgesprochen interessiert, offen und gesprächig.
Wir bekamen Bindis auf die Stirn – ein schönes Zeichen der Gastfreundschaft – und kamen miteinander ins Gespräch. Die nächsten Stunden vergingen dadurch erstaunlich unterhaltsam. Es sind oft genau diese Begegnungen, die eine Reise besonders machen: Man sitzt zufällig nebeneinander und plötzlich teilt man Geschichten, lacht miteinander und bekommt einen kleinen Einblick in den Alltag anderer Menschen.





Nur die Geräuschkulisse hatte es in sich. Der Zug ratterte, rumpelte und schüttelte uns durch, als würden wir nicht auf Schienen fahren, sondern auf einem Elefanten reiten, der es besonders eilig hat.
Unsere Gehörgänge wurden jedenfalls ordentlich beansprucht. Die Kombination aus lautem Zug und lebhafter Unterhaltung war akustisch eine echte Herausforderung. Aber langweilig wurde es nicht.
Auch die indische Bahn hielt noch eine kleine Überraschung für uns bereit: Verspätungen. Wir standen mehrfach auf den Gleisen herum und warteten. Da fühlten wir uns fast wie zu Hause. Die Deutsche Bahn hätte sich in diesem Moment vermutlich verstanden gefühlt.
Aus den geplanten dreieinhalb Stunden Zugfahrt wurden schließlich rund vier Stunden. Als wir ankamen, waren wir ordentlich durchgeschüttelt und nervlich nicht mehr ganz taufrisch. Die erste Klasse hatte uns also nicht nur Sitzplätze, sondern auch eine kostenlose Ganzkörpermassage beschert. Zugegeben: eine, die wir nicht unbedingt noch einmal buchen würden.
Die letzte Etappe des Tages
Am Bahnhof in Mettupalayam wurden wir von unserem Fahrer abgeholt. Wir freuten uns auf die letzte Etappe zum Hotel. Eine Stunde sollte die Fahrt dauern.
Am Ende wurden daraus zwei Stunden. Nach dem langen Tag überraschte uns das zwar kaum noch, aber unsere Begeisterung hielt sich in Grenzen. Wir hatten inzwischen gelernt: Zeitangaben in Indien sind manchmal eher als freundliche Vorschläge zu verstehen.
Um 20:30 Uhr saßen wir schließlich im Hotel GRT Zibe und warteten auf unser Dinner. Fertig wie ein Rettich. Wobei wir nach diesem Tag vermutlich eher zwei sehr weich gekochte Rettiche waren.
Wir waren müde, hungrig und froh, endlich angekommen zu sein. Und trotzdem: Genau aus solchen Tagen entstehen später die Geschichten, über die man noch lange redet und lacht.
Kerstin & Sylvia